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Rundbrief Nummer 10
San Francisco, den 15.10.98
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Aktuelle Diskussion im Forum
Sozialarbeit im Tenderloin
Viele haben in letzter Zeit angefragt, was eigentlich meine Arbeit im Tenderloin macht. Ich gehe nach wie vor zweimal wöchentlich, oft sogar dreimal (wenn zusätzliche Hilfe wegen Ausflügen oder Festen benötigt wird) in die Einrichtung. Ich mache das jetzt schon seit genau einem Jahr. Mitte August war in der Einrichtung die Feier der "Graduation" (Abschlussfeier mit Diplomverleihung) für die Kinder meiner Gruppe. "Graduation" deshalb, weil alle Kinder meiner Gruppe in den Kindergarten gewechselt haben. Vielleicht wundert ihr euch jetzt: "Wieso Kindergarten, wir dachten, die sind schon im Kindergarten?" Dazu muss man wissen, dass zwar in Amerika das deutsche Wort "Kindergarten" benutzt wird, aber etwas ganz anderes damit gemeint ist. In Deutschland bezeichnen wir in der Regel die Zeit von drei Jahren bis zum Schuleintritt als "Kindergartenzeit". Die meisten Kinder gehen während dieser Zeit in ein und dieselbe Einrichtung, eben ihren Kindergarten. In Amerika wird als "Kindergarten" nur das letzte Jahr vor der Schule bezeichnet. Die meisten Kindergartenklassen befinden sich auch schon im Gebäude der Grundschule ("Elementary School"). Eingeschult in die Grundschule wird in Amerika in der Regel auch mit 6 Jahren. Es ist allgemein übliche Praxis, dass im Kindergarten die Kinder Buchstaben, Zahlen, usw. lernen. Alle Einrichtungen, die die Kinder vor dieser amerikanischen Kindergartenzeit besuchen, werden entweder als "Preschool" ("Vorschule") oder allgemein als "Childcare Center" oder "Day Care Center" ("Kindertagesstätte") bezeichnet. Verwirrt? Macht euch nichts daraus, ich habe auch ziemlich lange gebraucht, bis ich die Unterschiede verstanden habe. Nun fragt ihr euch vielleicht weiter, warum es eine Abschlussfeier mit Diplomverleihung für solch kleine Kinder gibt. Spinnen die Amis jetzt total? Nun sei zu ihrer Ehrenrettung gesagt, dass normalerweise solche "Graduation-Feiern" nur nach erfolgreichem Abschluss der High School, des College oder der Universität stattfinden. Das sind dann diese typischen Feiern, die man auch häufiger in amerikanischen Fernsehsendungen sieht. Jeder der Diplomanten hat einen Talar in den Farben der Schule bzw. Universität an und einen Doktorhut in der gleichen Farbe auf. Es werden Reden gehalten, die Eltern und sonstigen Verwandten sitzen mit tränennassen Augen im Publikum und zum Schluss wird jeder Diplomant nach vorne auf die Bühne gerufen und ihm oder ihr wird feierlich das Diplom überreicht. Genauso ist die Feier auch im Tenderloin abgelaufen. Die Kinder hatten rote Roben an und einen roten Doktorhut auf und haben eine Urkunde bekommen, die besagt, dass sie die "Preschool" mit Erfolg beendet haben. Die Frage bleibt nun, wieso so ein Tamtam für solch kleine Kinder, hätte es da nicht auch ein nettes Abschlussfest getan, von dem die Kinder selbst vielleicht mehr gehabt hätten? Viele Einrichtungen wie das "Childcare Center", für das ich ehrenamtlich tätig bin, machen jetzt solche hochoffiziellen "Graduation-Feiern", weil sie sagen, die meisten Eltern sind Schulabbrecher und haben nie eine eigene Feier erlebt. Deshalb sollen sie durch ihre Kinder so oft wie möglich die positive Erfahrung einer "Graduation" machen. Ich habe bei diesem Gedanken nach wie vor gemischte Gefühle und kann mich nicht so recht entscheiden, wie ich diese Idee finde. Interessant war es auf jeden Fall.
Witzig war auch, dass jeder der "Volunteers" ("freiwilligen Helfer") auch eine Urkunde erhalten hat (wir hatten allerdings keine Roben an). Chris (ebenfalls Volunteer) und ich sind die "Volunteers des Jahres" geworden wegen besonderem Einsatz und Engagement für die Einrichtung. Wir haben beide einen Büchergeschenkgutschein erhalten und sind bei der Feier besonders hervorgehoben worden, was mich ehrlich gesagt schon sehr gefreut hat. Vielleicht ist an solchen Feiern ja doch etwas dran. Ich arbeite übrigens auch weiterhin mit den älteren Kindern (im Schnitt 4-5 Jahre) im selben Gruppenraum. Die meisten Kinder kenne ich auch schon, weil sie einfach aus der Nachbargruppe aufgerückt sind. Auch die Erzieherteams sind aus verschiedenen Gründen neu zusammengesetzt worden. Brea, mit der ich mich besonders gut verstehe, ist aber erfreulicherweise auch weiterhin in der Gruppe, in die ich zum Volunteeren komme.
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