Doppelte Staatsbürgerschaft
Auch die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft erschien mir "typisch deutsch". Ich habe nämlich nicht so ganz verstanden, warum es eine Katastrophe ist, wenn man zwei Pässe hat. Das Argument, das ich am meisten gehört habe, war, dass man sich schließlich entscheiden muss, was man sein will. Daß man vielleicht beides sein will, scheint für viele nur schwierig nachzuvollziehen zu sein. Selber im Ausland lebend, kann ich gut verstehen, dass man nicht so einfach seine Staatsbürgerschaft abgeben will. Man möchte sich immer irgendwie noch die Tür offenhalten, ohne Probleme jederzeit zurück zu können, auch wenn man dies vielleicht nie in die Tat umsetzt. Das ist mehr eine psychologische Geschichte. Die doppelte Staatsbürgerschaft spiegelt eigentlich genau wieder, wie man sich fühlt, wenn man für viele Jahre in einem anderen Land lebt. Man ist ein Stück beides. Schade, dass es jetzt nur zu einem Kompromiss gekommen ist in Deutschland.
Amerika kennt übrigens im allgemeinen die doppelte Staatsbürgerschaft auch nicht. Nur die Behörde, die dafür sorgen müsste, den alten Pass einzuziehen, geht dem nicht nach, so dass viele eben doch zwei Pässe haben. Wird ein Kind auf amerikanischem Boden geboren und hat ausländische Eltern, erhält das Kind die amerikanische Staatsbürgerschaft und in der Regel auch die Staatsbürgerschaft seiner Eltern und muss sich dann bei Erreichen der Volljährigkeit für eine entscheiden. Ansonsten kann man als Ausländer erst dann amerikanischen Staatsbürger werden, wenn man fünf Jahre lang in Besitz einer amerikanischen Greencard ist und während dieser fünf Jahre konstant im Land war. Außerdem muss man nachweisen, dass man einigermaßen Englisch kann und die Grundlagen der amerikanischen Geschichte und den Aufbau der Regierung kennt. Das Ganze findet dann als Test statt. Fragen sind z.B.: Welche Farben sind die Farben unserer Flagge? Wieviele Sterne sind drauf? Wieviele Streifen? Für was stehen die Sterne? Für was die Streifen? Wer ist gerade Präsident? Wer ist gerade Vize-Präsident? Wieviele Repräsentanten sitzen im Kongress? Da kommt so mancher ins Grübeln. Die Anworten lauten freilich rot/weiß/blau, 50, 13, die Bundesstaaten, die 13 Bundesstaaten zur Gründung der USA, Bill Clinton, Al Gore, 435. Ist doch logisch! Natürlich darf man nichts ausgefressen haben bzw. darf nicht dabei erwischt worden sein, wenn man amerikanischer Staatsbürger werden will. Ihr seht schon, die Staatsbürgerschaft wird einem auch nicht gerade hinterhergeschmissen. Fünf Jahre hören sich zwar auf den ersten Blick nicht allzu lange an, man darf aber nicht vergessen, dass man die Greencard haben muss und diese ist auch nicht mehr so einfach zu bekommen. Außerdem hat natürlich nicht jeder die Greencard. Wir z.B. haben nur ein ordinäres Visum.
Das bringt uns zur Fragestellung zurück, wie es ist, im Ausland zu leben, und wie man aufgrund dieser Erfahrung sein eigenes Land beurteilt. Am ehesten läßt es sich vielleicht so beschreiben, dass man in beiden Ländern die Vor- und Nachteile sieht, beiden Ländern kritisch gegenüber steht, anderes aber auch mehr zu schätzen lernt.
Seitdem ich wieder hier bin, verbringe ich viel Zeit in der Dunkelkammer der Uni Berkeley, da ich dieses Semester zwei Fotokurse belegt habe. Ich wurde schon mit dem Titel "Queen of the Darkroom" (Königin der Dunkelkammer) belegt, übrigens nicht von Michael, sondern von einem Mitstreiter, der schon einmal einen Kurs mit mir zusammengemacht hat. Mein Zertifikatprogramm "Children and the Changing Family" habe ich ja letztes Semester abgeschlossen und, siehe da, schon trudelte per Post das Zertifikat ins Haus. Das sieht richtig schick aus: Stempel, Wappen der Uni usw. Da der Amerikaner praktisch denkt, hat das Zertifikat gleich eine bilderrahmenfreundliche Größe. Das Ganze sieht auf jeden Fall besser aus als mein Abitur- und Unizeugnis.
Feuerwehrfrau Angelika
Letzte Woche habe ich dann gleich noch eine rahmenswerte Urkunde erhalten und zwar von der Feuerwehrbehörde in San Francisco. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, ob ich völlig übergeschnappt bin und mich zur Feuerwehrfrau habe ausbilden lassen. Weit gefehlt! Ein Erdbebentraining habe ich gemacht. Wie ihr ja wisst, ist San Franciscos einziger Nachteil, dass es hochgradig erdbebengefährdet ist. Da wir ja schon mehrere kleine erlebt haben und die mir schon Angst genug eingejagt haben, haben unser Freund Anthony und ich beschlossen, etwas dagegen zu tun und uns zu dem besagten Training angemeldet. Es ging über sechs Wochen und wurde von Feuerwehrmännern und -frauen geleitet. Wir haben gelernt: Was man macht, wenn die Erde anfängt zu wackeln, Erste Hilfe, den Katastrophenplan der Stadt San Francisco, wie man ein Gebäude durchsucht, wie man beurteilt, wie stark beschädigt das Gebäude ist, wie man das Gas und Wasser abstellt usw. Bei dem Training geht es zunächst einmal darum, sich selbst zu helfen, aber auch in der Nachbarschaft, da sicher ist, dass die Rettungsdienste völlig überlastet sein werden, wenn ein großes Erdbeben kommt. Das Training hat dann auch den schönen Namen "NERT" (Neighborhood Earthquake Response Team, was so viel heißt wie Erdbebennachbarschaftsteam), d.h. die Feuerwehrleute geben das Training in den verschiedenen Wohngegenden, damit sich feste Teams bilden können, die dann im Falle eines Erdbebens helfen. Man bekommt deshalb sogar eine kleine Ausrüstung, nämlich einen Bauarbeiterhelm (alle hatten natürlich auf einen echten amerikanischen Feuerwehrhelm gehofft) und ein orange Weste (Michael hat sich über mein Outfit köstlich amüsiert). Anmerkung von Michael: "NERD" heißt auf englisch übrigens "Idiot". Wollte ich nur mal so einstreuen!
Letzte Woche fand dann das sogenannte "Disaster Scenario" statt, sozusagen eine praktische Übung und auch hier war die Durchführung hollywoodmäßig aufgezogen. So mussten wir z.B. einen Raum mit Verletzten durchsuchen. Um alles möglichst echt zu machen, waren die Opfer (Freiwillige) professionell geschminkt und mit unechtem Blut ausgestattet. Das sah so echt aus, dass mir gleich ganz anders wurde. Die Opfer haben so realistisch gestöhnt und geschrien, dass eine Frau in meinem Team nur immer gemurmelt hat: "Ich ziehe weg aus dieser Stadt!" Dann war da noch eine Puppe (sie war eine Tote). Die sah so realistisch aus, dass mehrere (mich eingeschlossen) erst nach einiger Zeit gemerkt haben, dass es sich um eine Puppe handelt. Da fangen einem schon die Knie zu wackeln an, vor allen Dingen, wenn die Feuerwehrleute dann noch in Einzelheiten schildern, dass es schon nach relativ kurzer Zeit zu riechen anfängt, wenn man die Opfer nicht früh genug herausholt. Ein Alptraum!
Auf jeden Fall haben dann alle, die das Training absolviert haben, eine Urkunde und einen Händedruck vom Chef der Feuerwehr erhalten. Natürlich wurde auch betont, wie wichtig wir alle sind usw. Ich finde übrigens, dass der Amerikaner ein unnachahmliches Talent hat, zu motivieren und jedem das Gefühl zu geben, der Größte zu sein. Bei Kursen jeglicher Art ist wichtig, dass der Einzelne Spaß hat, da kann das Thema noch so ernst sein wie z.B. bei dem Erdbebentraining. Manchmal hat man das Gefühl, dass alles eine große Show ist. Auf der anderen Seite machen Kurse wirklich viel mehr Spaß und sind in der Regel nicht so trocken wie in Deutschland.