Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 14  
San Francisco, den 01.04.99

Fremder im eigenen Land    Doppelte Staatsbürgerschaft    Feuerwehrfrau Angelika    Produkthaftung    "Perl Power" in Stanford gesichtet    Snowboarden in Tahoe    Arbeitsbedingungen in den USA    Autokauf    Deutscher Akzent beim Englischreden    Motivation von Tony Robbins    Benzinpreise    AOL kauft Netscape

Aktuelle Diskussion im Forum
Golden Gate (San-Franciscan, 11.10.2008)
Leckerkram (Ingo, 24.09.2008)
Mietwagen (martin, 24.08.2008)

Arbeitsbedingungen in den USA

Nun zu etwas ganz anderem: Was ich schon immer mal loswerden wollte zu den Arbeitsbedingungen hier: Bekanntlich begnügt sich der Herr Amerikaner ja mit lausigen zwei Wochen Urlaub im Jahr. Und, da es hier -- anders als in Deutschland -- keine Staatsreligion gibt (stichel! stichel!), sondern ein kunterbuntes Durcheinander an Kulturen, darf jeder zu den paar staatlichen Feiertagen im Jahr (Neujahr, Martin-Luther-King-Day, Thanksgiving, Lincoln's Birthday, Independence Day, President's Day, Labor Day fallen mir auf Anhieb ein) zusätzlich drei neue definieren. So können die Chinesen ihren Neujahrstag irgendwann im Februar feiern und jede der vielen Religionen, Mormonen, Baptisten, Scientologen und was es sonst noch alles gibt -- jeder kommt zu seinem Recht. Vor diese Frage gestellt, würde ich natürlich den 19. Februar wählen -- den Todestag von Bon Scott, dem Sänger meiner Lieblingsgruppe AC/DC, aber meist nehme ich irgendeinen Freitag oder Montag, um ein Wochenende zu verlängern. Und, was die Wochenstunden betrifft: Meine Arbeitskollegen lachen sich regelmäßig krank, wenn ich erzähle, dass in Deutschland die 35-Stunden-Woche eigentlich die Regel ist. In Computerläden wie AOL gibt's zwar keine Stechkarte, aber jeder trägt die Stunden, die er an einem Projekt arbeitet, in ein Computerprogramm ein, das es der Firma nicht nur erlaubt, festzustellen, wieviel ein Projekt kostet, sondern auch wieviele Stunden der Einzelne in der Woche arbeitet. Stehen da mal nur 40 Stunden drin, kann man damit rechnen, dass der Chef vorbeigeschneit kommt und mal vorsichtig nachfragt, ob man denn noch zufrieden sei mit der Arbeit und so. Die Regel ist vielmehr, dass da 50 und manchmal 60 Stunden drinstehen -- und Überstunden werden natürlich nicht bezahlt, das ist nur ein Zeichen dafür, wie gerne man arbeitet. So ist es auch kein Thema, mal bis um drei Uhr nachts zu arbeiten, wenn gerade ein schlimmer Fehler im System ist oder ein Wochenende dranzuhängen, falls ein Projekt am Montag fertig sein muss -- ganz normal, ey! Wenn's brennt, wird gelöscht, und dann einfach heimzugehen, wäre ein absoluter Faux-pas und unkollegial. Andererseits muss man natürlich auch sehen, dass es in Deutschland wohl kaum ein Arbeitgeber erlauben würde, dass ich zwei Tage pro Woche zuhause arbeite und auch sonst ins Büro komme wann ich will. Im Büro herrscht übrigens immer gute Laune, "genervt" zu sein oder zu schimpfen, gilt als völlig unmöglich. "No problem!" oder "That's ok!" heißt die Standard-Antwort auf "Sorry". Das ist übrigens für alle Lebenslagen wahr: Selbst wenn einem jemand aus Versehen einen Eimer Wasser über den Kopf stülpte, hieße die Antwort immer noch "Don't worry, that's ok!", alles andere wäre eine grobe Unhöflichkeit. "Socialising" im Arbeitsleben wird großgeschrieben, man redet mit Leuten, die man noch nicht kennt, ein paar Takte, erkundigt sich, woran sie gerade arbeiten und macht vielleicht ein paar Witzchen, auch wenn man sie nur kurz sieht. Eine Sache, die mir bei Besuchern aus Deutschland immer wieder auffällt: Man sagt nicht einfach "Yes" oder "No", immer hängt man was dran. Wenn die Bedienung in der Wirtschaft fragt, ob man noch einen Kaffee will, heißt es nicht "No", sondern "No, thanks, I'm just fine". Oder nicht einfach "Yes", sondern man sagt irgendetwas Originelles wie "Yeah, sounds great!" oder "Coffee'd be awesome, dude!". Letzteres natürlich nur, wenn man wie ein Snowboarder gekleidet ist :). In der Arbeit gilt auch: Wenn jemand etwas fragt, hilft man, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat. Das kann total nerven, wenn man nämlich an etwas arbeitet und dauernd jemand angebraust kommt und irgendetwas Dussliges wissen will. Und wenn man, wie ich, in einem Stellwandquadrat arbeitet, ist man eigentlich nie allein, dauernd gibt's irgendwas. Nachdem jeder seinem Cubicle eine eigene Note verleiht, plane ich, demnächst einen Sessel reinzustellen, damit sich meine Besucher gemütlich hinsetzen können. Ohne Schmarr'n! Den Sessel habe ich schon daheim, muss ihn nur noch ins Büro schaffen.

... weiterlesen


PDF Drucken
RSS Feed
Diskussion im
Forum
Mailing Liste
Impressum
Blog



Auf die Email-Liste setzen

Der Rundbrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, kurze Ankündigung per Email gefällig?

Ihre Email-Adresse



Alle Rundbriefe:
1996 0
1997 1 2 3 4 5 6
1998 7 8 9 10 11 12
1999 13 14 15 16 17 18 19
2000 20 21 22 23 24 25 26 27
2001 28 29 30 31 32 33 34 35
2002 36 37 38 39 40 41 42
2003 43 44 45 46 47 48
2004 49 50 51 52 53
2005 54 55 56 57 58
2006 59 60 61 62 63 64 65
2007 66 67 68 69 70 71 72
2008 73 74 75 76 77 78

Spezialthemen:
USA: Schulsystem-1, Schulsystem-2, Redefreiheit, Waffenrecht-1, Waffenrecht-2, Krankenkasse-1, Krankenkasse-2, Medicare, Rente, Steuern, Jury-System, Baseball, Judentum
Immigration: Visa/USA, Warten auf die Greencard, Wie kriegt man die Greencard, Endlich die Greencard, Arbeitserlaubnis
Touren: Alaska, Vancouver/Kanada, Tijuana/Mexiko, Tokio/Japan, Las Vegas-1, Las Vegas-2, Kauai/Hawaii, Shelter Cove, Molokai/Hawaii, Joshua Nationalpark, Tahiti, Lassen Nationalpark, Big Island/Hawaii-1, Big Island/Hawaii-2, Death Valley, Vichy Springs, Lanai/Hawaii, Oahu/Hawaii-1, Oahu/Hawaii-2, Zion Nationalpark, Lost Coast
Tips/Tricks: Im Restaurant bezahlen, Telefonieren, Führerschein, Nummernschild, Wohnung mieten, Konto/Schecks/Geldautomaten, Auto mieten, Goodwill, Autounfall, Credit Report, Umziehen, Jobwechsel, Smog Check
Fernsehen: Survivor, The Shield, Curb your Enthusiasm, Hogan's Heroes, Queer Eye for the Straigth Guy, Mythbusters, The Apprentice, The Daily Show, Seinfeld
Silicon Valley: Netscape-1, Netscape-2, Netscape-3, Yahoo!
San Francisco: SoMa, Mission, Japantown, Chinatown, Noe Valley, Bernal Heights
Privates: Rundbrief-Redaktion


 
Kommentar an usarundbrief.com senden
Lob, Kritik oder Anregungen? Über ein paar Zeilen freuen wir uns immer.

In der Textbox können Sie uns eine Nachricht hinterlassen. Wir beantworten jede Frage und jeden Kommentar, wenn Sie ihre Email-Adresse in das Email-Feld eintragen.

Falls Sie anonym bleiben möchten, füllen Sie das Email-Feld bitte mit dem Wort anonym aus, dann wird die Nachricht dennoch an uns abgeschickt.

Ihre Email-Adresse


Nachricht

 


Impressum
Letzte Änderung: 06-Jul-2008