Angelika Am Montag haben wir hier unser erstes Erdbeben erlebt; genauer gesagt waren es gleich zwei Erdbeben der Stärke 3.6. Jedenfalls saßen Michael und ich abends gegen 22.30 Uhr ganz gemütlich auf unserem Futonsofa, als ich zu spüren glaubte, dass unser Sofa sich bewegte. Da man in San Francisco aber jede kleinste Erschütterung, die z.B. ein vorbeifahrender Laster verursacht, als Erdbeben interpretiert, mussten Michael und ich erst diskutieren, um was es sich handelt. Michael behauptete steif und fest, das wäre der Wind. Er konnte mir aber auch nicht erklären, warum an einem windstillen Frühlingsabend der Wind bei geschlossenem Fenster unser Sofa verrücken sollte. Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, kam auch schon das zweite Erdbeben. Diesmal war auch Michael überzeugt. Er ging nämlich wortlos zu seinem Laptop und schaute nach, welche Stärke das Erdbeben hatte. Über das Internet kann man nämlich diese Information sofort abrufen. Auch der Spielfilm im Fernsehen wurde sofort unterbrochen. Wie üblich interviewte man dort gleich jemanden, der schon lange in San Francisco lebt, also auch das starke Erdbeben 1989 miterlebt hat. Dieser gab den überaus klugen Kommentar ab, dass man in dieser Stadt nie wüsste, ob die kleinen Erdbeben nicht Vorboten eines größeren sind. Am liebsten hätte ich diesen Mann mundtot gemacht, denn ich war sowieso schon zu Tode erschrocken. Das Erdbeben war zwar wirklich nicht schlimm und es ist absolut nichts kaputtgegangen, aber das Gefühl, dass sich der Boden bewegt und vielleicht sogar auftun könnte, hat meine Abenteuerlust für Jahre gestillt.
Ihr könnt euch natürlich vorstellen, dass Michael alles höchst spannend und aufregend fand. Sein Kommentar zur Sachlage war, dass er schließlich noch nie in seinem Leben ein Erdbeben erlebt hätte und jetzt diese einmalige Chance bekäme. Ich habe jedenfalls die ganze Nacht schlecht geschlafen und immer das Gefühl gehabt, ich falle ins Bodenlose.
Und was macht man am nächsten Tag nach dem Erdbeben? Man achtet neurotisch auf jede Erschütterung, jede kleinste Bewegung, jedes Beben. Man überlegt sich zum hundertsten Mal, welches der sicherste Platz in der Wohnung ist und ist froh, dass man sich einen massiven Esstisch gekauft hat, den man sogar ausziehen kann, so dass im Falle eines Falles der Besuch auch unter dem Tisch Platz nehmen kann. Man fragt sich, ob es wirklich so schlau war, all die Bilder an die Wand zu hängen und beglückwünscht sich selber, dass man den schweren Bilderrahmen doch nicht über das Bett gehängt hat, wie ursprünglich geplant. Man fragt sich, ob der Fernseher wirklich so sicher auf diesem Regal steht. Und man verflucht die amerikanischen Stromleitungen auf der Straße, die einen schließlich beim nächsten Erdbeben erschlagen könnten. Außerdem überlegt man sich, ob man nicht doch ein Erdbebenüberlebenstraining absolvieren sollte und ob man Statistiken über Erdbeben überhaupt trauen kann.
Ich kann nur sagen, dass mir dieses Erdbeben gereicht hat und ich gerne auf jedes weitere verzichte.