(Michael) Im Fernsehen halte ich ja nur selten ein Fußballspiel durch. Während ich auf dem Fußballplatz stundenlang herumtoben kann, fehlt mir vor dem Fernseher einfach die Geduld, dem üblichen Klein-Klein im Mittelfeld zuzusehen. Da denke ich mir immer: Mei oh mei, die Zeit, die Zeit! Ich könnte schon wieder drei Perlprogramme schreiben!
Bei der diesjährigen WM jedoch konnten wir uns nicht entziehen: Wir sind tatsächlich um 4:30 morgens aufgestanden und haben's uns live angesehen. Wohl weil's hier keiner macht. Die USA haben sich zwar diesmal ins Achtelfinale gespielt, aber "Soccer", wie's die Amis nennen, bleibt ein Exotensport.
Außer unserem mexikanischen Nachbarn natürlich, der begeistert zuschaute. Und mitlitt, als Mexiko gegen die USA verlor. Mexikaner sind in den USA nicht hoch angesehen, da die meisten mangels Alternativen in Mindestlohnjobs arbeiten müssen und es nur ganz wenige schaffen, dem Teufelskreis zu entfliehen.
In Kalifornien ernten Mexikaner Südfrüchte und Weintrauben, decken Dächer und führen private Abrissarbeiten durch, putzen Autos, mähen den Rasen und spülen in Gaststätten das Geschirr.
Ohne Mexikaner würde die kalifornische Wirtschaft sofort zusammenbrechen. In der Cesar-Chavez-Strasse in San Francisco, die ironischerweise den Namen eines Mannes trägt, der sich dafür eingesetzt hat, dass Niedriglohnarbeiter gerechtere Löhne bekommen, stehen jeden Tag hunderte von Mexikanern, die darauf warten, dass ein reicher Hausbesitzer im Pickup-Truck vorbeifährt, und drei, vier Leute auflädt, damit sie für fünf, sechs Dollar die Stunde Arbeiten erledigen, die sonst keiner machen will. Aber im Fußball hatten sie bislang die Nase vorn -- und da kommen die ausbeutenden USA und gewinnen, das war bitter und wurde hier und in Mexiko auch so diskutiert.
Was ich eigentlich sagen wollte: Die Mexikaner sind hier absolut fußballbegeistert und sprechen in den höchsten Tönen von der deutschen Mannschaft. Unser Nachbar hat mir neulich erzählt, dass der deutsche Super-Torwart Oliver Kahn im spanischen Sender in San Francisco "el gato volador" genannt wird -- die "fliegende Katze", die raubtierhaft umherschnellt und die Bälle nur so rausbugsiert. Seit neuestem ziehen die mexikanischen Kommentatoren im Fernsehen übrigens nicht mehr nur das Wort "Gooooool" über 20 Sekunden in die Länge (kein Schmarr'n, ich hab's gestoppt), nein topaktuell ist es "Gol Gol Gol Gol Gol Gol" zu skantieren, das klingt dann wie eine amerikanische Polizeisirene. Übrigens ist es egal, welche Mannschaft das Tor schießt, ge-goool!-t wird in jedem Fall.
Und in San Francisco gibt's bekanntlich mehr Ausländer als Amerikaner und deswegen hatten sogar einige Bars in den frühen Morgenstunden geöffnet, um den Fußballfans Gelegenheit zu geben, die Spiele live zu verfolgen. Bier gab's allerdings keins, denn zwischen 2 und 6 herrscht in San Francisco Ausschankverbot, das strikt eingehalten wird.