5.4.2026 Deutsch English

San Francisco ohne Strom

Abbildung [1]: Überall ist der Strom weg, nur bei uns nicht.

Michael Mannometer, wir haben die Rundbriefproduktion leider drei Monate lang schleifen lassen -- aber jetzt holen wir auf, zack-zack! Kurz vor Weihnachten letzten Jahres, am 21.12, gingen in San Francisco plötzlich die Lichter aus. Und zwar nicht nur in einigen Straßenzügen, sondern stadtweit. In der ganzen Stadt? Nicht ganz! In den Stadtteilen Mission, Bernal Heights, Bayshore und Noe Valley zeigte sich das Stromnetz unbeeindruckt (Abbildung 1) und wir bekamen den Vorfall nur aus den Nachrichten mit.

Aber selbst deutsche Medien hatten den Vorfall schon hämisch aufgegriffen. Jaja, Stromausfall in der Hauptstadt des Internets und der künstlichen Intelligenz, da geh' ich lieber zur Frühschicht ins Kohlenbergwerk!, schrieben die Daheimgebliebenen.

Abbildung [2]: Archivbild: Unsere Straße während eines Stromausfalls im Januar 2023.

Nun ist ein kurzer Stromausfall hier in San Francisco keine große Sache und kommt etwa einmal im Jahr vor. Da hab ich vorgesorgt und strategisch platzierte Batteriepuffer halten in unserer Wohnung das Internet und andere lebenswichtige Dienste aufrecht. Wenn aber der Strom mal 24 Stunden oder länger weg ist, taut der Eisschrank ab und die Lebensmittel im Kühlschrank erwärmen sich langsam auf Zimmertemperatur und vergammeln, dann kann man die ganze Fuhre in die Mülltonne drücken.

Abbildung [3]: Archivbild: Unsere Straße während eines Stromausfalls im Januar 2023.

Auslöser war diesmal angeblich ein Brand in einer sogenannten "Substation" des lokalen Stromversorgers PG&E, der eine Kettenreaktion auslöste und in kurzer Abfolge drei Viertel der Stadt lahmlegte. Wie gesagt, uns betraf es nicht, aber die Stadtteile nahe der Golden Gate Bridge hatten zum Teil drei Tage lang keinen Strom. Nun ist PG&E eine gewinnorientierte Privatfirma, aber unter der Belegschaft herrscht ein, sagen wir mal, bräsiges Beamtentum. Niemand dort raffte sich auf, die Lage zu kommentieren oder Schätzungen betreffs der Wiederinbetriebnahme des Stromnetzes abzugeben. Verständlicherweise waren die Stromkunden extrem angefressen, besonders Gaststätten, die nun kein warmes Essen servieren oder auch nur abkassieren konnten.

Abbildung [4]: Riesige Generatoren mit Dieselmotor laufen Tag und Nacht, um die Stromversorgung zu sichern.

Was das Hämefass dann zum Überlaufen brachte, war, dass Waymo (Rundbrief 07/2023) beschloss, unsere weltweit führende Robotaxiflotte stillzulegen. Alle ca. 1.000 autonom fahrenden Vehikel der Firma blieben aus mir unerfindlichen Gründen einfach stehen, egal ob sie sich mitten in einer Kreuzung befanden oder in welcher prekären Situation auch immer. Irgendwie kam deren Steuerung nicht mit den großflächig ausgefallenen Ampeln zurecht, und der Waymo-Sicherheitsfuzzi muss panikartig buchstäblich den Stecker gezogen haben.

Abbildung [5]: Autonome Waymo-Autos blieben einfach stehen.

Am folgenden Tag hatte die Firma offensichtlich einen Software-Update eingespielt und die beliebten Flotte nahm den Betrieb wieder auf. Allerdings bekam die energieerzeugende Dandlerfirma PG&E es nicht gebacken, den Strom in einigen Stadtteilen wieder anzustellen. In manchen bedauernswerten Vierteln (ironischerweise auch die mit Luxusvillen wie Seacliff) dauerte es drei volle Tage, bis die Kühlschränke wieder ansprangen. Teilweise hatte PG&E auch nur laute portable Dieselgeneratoren dort hingekarrt, die nun Tag und Nacht ratterten und Abgase produzierten.

Abbildung [6]: Auch in Berlin ist der Strom weg.

Ahja, so was kann in Deutschland natürlich nicht passieren, dachte ich mir. Weit gefehlt! Ich musste doch sehr lachen, als ich bei meiner täglichen Lektüre der Bildzeitung erfuhr (Abbildung 6), dass nur Tage später auch in Berlin der Strom weg war, wenn auch aus anderen Gründen. Zum Glück sitze ich nicht auf einem hohen moralischen Ross wie meine deutschen Landsleute, und jeder, der mich kennt, weiß, dass mir Schadenfreude oder Häme gänzlich fremd sind!


 
 
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Letzte Änderung: 25-Apr-2026